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Wohin fließen die EU-Milliarden?

Die politische Umleitung der Fördermittel in Ungarn · 2010–2026

Seit dem EU-Beitritt 2004 hat Ungarn über 60 Milliarden Euro an Fördermitteln von der Europäischen Union erhalten. Diese Seite dokumentiert in drei Dimensionen, wie die Mittelverteilung unter der Fidesz-KDNP-Regierung verzerrt wurde: die Vergabedominanz des Oligarchenkreises, das finanzielle Ausbluten der oppositionell geführten Kommunen und die rechtsstaatlichen Gegenmaßnahmen der EU.

~60 Mrd €
EU-Gesamtförderung
für Ungarn (2004–2026)
3,2–5,5 Mrd €
Geschätzter kleptokratischer
Verlust (CRCB)
235 Mrd Ft
Budapester Solidaritäts-
beitrag (2018–24)
~30 Mrd €
Eingefrorene EU-
Mittel (2022–)

Überblick

Wie das System funktioniert – in drei Dimensionen

Ungarn ist einer der größten Nettoempfänger der EU: Die Förderung aus dem Gemeinschaftshaushalt beträgt jährlich ca. 4–5 % des BIP. Diese Zusammenstellung dokumentiert drei miteinander verbundene Mechanismen, die gemeinsam die politische Umleitung der Mittel aufzeigen.

21%
EU-Vergabemittel
42 «Günstlings»-Firmen
(2011–2021, CRCB)
10×
EU-Anteil der NER-
Oligarchen – Anstieg
2010 nach vs. vor 2010
58 Mrd Ft
Budapester Solidaritäts-
steuer 2024
(2018 noch 5 Mrd.)
0
Europäische
Staatsanwaltschaft
Ungarn nicht beigetreten

1. Die Vergabedominanz des Oligarchenkreises

Das Corruption Research Center Budapest (CRCB) hat 340.000 Vergabeverfahren analysiert und festgestellt, dass zwischen 2011 und 2023 dreizehn Fidesz-nahe Unternehmer und ihre Firmen ca. 13–21 % der EU-finanzierten Vergabesummen erhielten. Die Überhöhung wird auf 20–40 % geschätzt, was einem „kleptokratischen Verlust" von 3,2–5,5 Milliarden Euro für die EU-Steuerzahler entspricht.

2. Das Ausbluten der oppositionellen Kommunen

Nach 2019 – als Budapest und mehrere Großstädte oppositionelle Führungen wählten – erhöhte die Regierung den Solidaritätsbeitrag drastisch, entzog Gewerbesteuereinnahmen und schloss Kommunen von Entwicklungsmitteln aus. Budapest ist seit 2021 Nettozahler in den Staatshaushalt, obwohl die Hauptstadt fast 40 % des BIP erwirtschaftet. 2026 legten 10 Oppositions-Bürgermeister einen gemeinsamen Reformvorschlag vor.

3. Die Gegenmaßnahmen der EU

Die Europäische Kommission hat seit 2018 schrittweise ihre Haltung gegenüber Ungarn verschärft: von OLAF-Untersuchungen über Rechtsstaatlichkeitsauflagen bis hin zum Einfrieren von Mitteln. Rund 30 Milliarden Euro an Fördermitteln für Ungarn sind an verschiedene Bedingungen geknüpft. Die ungarische Regierung ist der Europäischen Staatsanwaltschaft (EPPO) noch immer nicht beigetreten, die eine direkte Ermittlung bei EU-Mittelmissbrauch ermöglichen würde.

EU-Fördermittel für Ungarn (Mrd. EUR, nach Programmperiode)

Quelle: Europäische Kommission, Vertretung in Ungarn. Ein erheblicher Teil der Periode 2021–2027 ist eingefroren.

⚠ Im Interesse der Objektivität

Es ist wichtig festzuhalten, dass die EU-Mittelverteilung keinen vollständigen Ausschluss oppositioneller Städte bedeutet. Szeged, Pécs, Tatabánya, Salgótarján und andere oppositionell geführte Kommunen erhielten nachweislich auch nach 2010 erhebliche EU-Fördermittel. Das Problem ist nicht der vollständige Ausschluss, sondern die Unverhältnismäßigkeit, die Verzerrung des Vergabesystems und die Mittelentzugspolitik, die nicht-regierungsnahe Kommunen systematisch benachteiligt.

Der Oligarchenkreis

13 NER-Schlüsselfiguren und ihre Unternehmen – Herren der öffentlichen Vergabe

Laut CRCB-Analysen sicherten sich 2011–2023 die Firmennetzwerke von 13 eindeutig Fidesz-nahen Großunternehmern einen unverhältnismäßig großen Anteil der EU-finanzierten Vergaben – meist ohne oder mit minimalem Wettbewerb. Der EU-Mittelanteil dieser Unternehmer verzehnfachte sich nach Orbáns Machtantritt (2005–2011: 451 Mio. €; 2011–2023: ein Vielfaches davon).

Anteil NER-naher Firmen an EU-finanzierten Vergaben (%)

Quelle: CRCB-Analysen (2022, 2025). Die «Günstlingsfirmen»-Liste umfasst Unternehmen von: Mészáros, Tiborcz, Garancsi, Szijj, Balásy, Simicska, Kuna, Paár u. a.

Die 13 Schlüsselfiguren

NevHauptbrancheSchlüsselunternehmen/-fälleAnmerkungen
Meszaros LorincBau, Energie, LandwirtschaftMészáros és Mészáros Kft., Opus Global2011 noch Gasinstallateur in Felcsút; 2018 reichster Mann Ungarns
Tiborcz IstvanImmobilien, EnergieElios Zrt. (früher), BDPST GroupOrbáns Schwiegersohn; OLAF empfahl 40 Mio. € Rückforderung im Elios-Fall
Szijj LaszloBau, VerkehrDuna Aszfalt, Szijj-csoportStraßen- und Brückenbauaufträge, Straßensanierungen
Garancsi IstvanBau, SportMarket Zrt.Stadionbau, Immobilienentwicklung
Balasy GyulaWerbung, KommunikationNew Land Media, Lounge DesignNKH-Ausschreibungen; 650 Mrd. HUF Vergaben seit 2012 (CRCB)
Simicska LajosBau, MedienKözgép (ehemals)Schlüsselfigur bis 2015; nach dem Orbán–Simicska-Bruch ausgeschieden
Kuna TiborWerbung, AußenwerbungESMA Kft.Dominanz auf dem Außenwerbemarkt
Paar AttilaBauWest Hungaria BauBauprojekte in Westungarn
Homlok ZsoltIT4iG (früher)IT-Vergabeverfahren
Csetenyi CsabaBauGrabarics Epitoipari Kft.Kommunale Aufträge
Varga KarolyBauV-Hid Zrt.Brückenbauprojekte
Hamar EndreEnergieEnergiaszolgaltatasEnergieprojekte
Paar AndrasBauEpitoipari cegekAuch in der CRCB-Analyse 2025 aufgeführt

Schlüsselzahl: gewannen die 42 Firmen dieser 12 Personen zwischen 2011 und 2021 21 % aller über EU-finanzierte Vergaben verfügbaren Gelder. Rund 3.300 Unternehmen gewannen 80 % aller EU-Ausschreibungen – die Unverhältnismäßigkeit ist augenfällig.

Quelle: Corruption Research Center Budapest (CRCB), März 2022 · 444.hu-Übersicht

Der «Elios-Effekt» und die Systemanpassung

Nach der OLAF-Elios-Untersuchung verbesserten sich die Wettbewerbsindikatoren bei EU-finanzierten Vergaben – verschlechterten sich aber bei national finanzierten Ausschreibungen. Das CRCB nennt dies das «Versickerungs»-Phänomen: Wo die EU hinschaut, verbessern sich die Zahlen; wo sie nicht hinsieht, verschlechtert sich die Lage. Bis 2025 gab es bei über der Hälfte der EU-finanzierten Ausschreibungen mit NER-nahen Firmen erneut keinen Wettbewerb.

2020 – das Pandemiejahr: Während ein Großteil der Wirtschaftsakteure des Landes mit beispiellosen Schwierigkeiten kämpfte, floss Staats- und EU-Geld in beispiellosem Ausmaß in „Günstlings"-Firmen. In jenem Jahr ging fast ein Drittel aller staatlichen Vergaben an sie.

Ausblutung der Kommunen

Mittelentzug bei Budapest und oppositionellen Städten

Nach den Kommunalwahlen 2019 – als Budapest, Szeged, Pécs, Miskolc, Eger, Szombathely, Dunaújváros und weitere Städte oppositionelle Führungen wählten – engte die Regierung systematisch den finanziellen Spielraum der Kommunen ein. Hauptinstrumente: drastische Erhöhung des Solidaritätsbeitrags, teilweiser Entzug der Gewerbesteuer und diskriminierende Ausgrenzung von Entwicklungsmitteln.

Budapester Solidaritätsbeitrag (Mrd. HUF)

Quelle: Stadtverwaltung Budapest, Dokumente der Budapester Bürgerversammlung, Index.hu. Tarlós István (Fidesz) als Bürgermeister: 2010–2019; Karácsony Gergely (Opposition): 2019–.

Die Hauptinstrumente der Ausblutung

2017
Einführung des Solidaritätsbeitrags
Die Regierung führt eine neue Belastung für einnahmestarke Kommunen ein – auf dem Papier zur Unterstützung kleinerer Gemeinden. In der Praxis zahlen hauptsächlich Budapest und die Komitatsstädte.
2019–2024
Budapests Beitrag verzehnfacht sich
Im letzten vollen Amtsjahr von Tarlós István betrug der Solidaritätsbeitrag 5 Mrd. HUF. Nach der Wahl von Karácsony Gergely erhöhte die Regierung ihn jährlich: 2024 forderte sie 58 Mrd. HUF. Zwischen 2018 und 2024 zahlte Budapest insgesamt 235 Mrd. HUF.
Quelle: Index.hu, Stadtverwaltung Budapest
2020–2023
Ausschluss von Krisenhilfen
Während der COVID-Pandemie und der Energiekrise verteilte die Regierung Ad-hoc-Hilfen – Budapest und mehrere Oppositionsstädte erhielten typischerweise nichts. Nicht einmal Unterstützung für gestiegene Betriebskosten wurde gewährt.
Quelle: enbudapestem.hu, Budapester Bürgerversammlung
2021–
Budapest wird zum Nettozahler
Die Hauptstadt zahlt mehr Steuern in den Zentralhaushalt als sie zurückerhält – eine historische Umkehr. Karácsony Gergely: „Unter Bürgermeister Tarlós überwies die Regierung Geld an Budapest; unter meiner Amtszeit überweisen wir Geld an sie."
2024 Mai
EU-Direktförderung für Budapest
Die Europäische Kommission stellt Budapest 300 Mrd. HUF als Direktförderung bereit (VEKOP Plus), für Verkehr und grüne Entwicklung – eine von zentralstaatlichen Entzügen unabhängige Finanzierungsquelle.
Quelle: enbudapestem.hu, 2024.05.03.
2025 Dezember
Budapest nähert sich der Zahlungsunfähigkeit
Laut der Analyse von Political Capital treibt die Regierung Budapest durch zentrale Entzüge gezielt in die Insolvenz. Ein 179-seitiger Kommunalbericht stellt fest, dass die aktuelle Regulierung Budapests Finanzautonomie in einem mit dem Grundgesetz unvereinbaren Maß einschränkt. Moody's stufte den Ausblick Budapests Ende 2024 auf negativ herab.
Quelle: HVG/Political Capital, Index.hu

EU-Förderung der Komitatsstädte: Fidesz-geführt vs. oppositionell geführt (nach 2019)

Die G7.hu-Analyse von 2021 untersuchte anhand von palyazat.gov.hu-Daten, wie EU-Mittel nach den Kommunalwahlen 2019 zwischen Fidesz- und oppositionsgeführten Komitatsstädten verteilt wurden. Die Ergebnisse zeigen eine klare Unverhältnismäßigkeit.

EU-Förderung pro Kopf (Tsd. HUF) – Komitatsstädte, nach den Wahlen 2019

Quelle: G7.hu, basierend auf palyazat.gov.hu-Daten (2021). Blau = oppositionsgeführt, orange = Fidesz-geführt seit 2019. Ärmere Oppositionsstädte erhielten weniger Fördermittel als wohlhabendere Fidesz-Städte – im Widerspruch zur EU-Kohäsionspolitik, die ärmeren Regionen beim Aufholen helfen soll.

45 000 Ft
EU-Förderung pro Kopf
für Fidesz-geführte Komitatsstädte
(after 2019)
20 000 Ft
EU-Förderung pro Kopf
für oppositionsgeführte Komitatsstädte
(after 2019)
36,3 Mrd
Gesamtförderung 6 Fidesz-
geführter Städte (HUF)
13,6 Mrd
Gesamtförderung 7 oppositions-
geführter Städte (HUF)

EU-Gesamtförderung (Mrd. HUF) – nach den Wahlen 2019

Quelle: G7.hu (2021). Die sechs am stärksten geförderten Kommunen sind alle Fidesz-geführt. Székesfehérvár (reichste Komitatsstadt) erhielt 12+ Mrd. HUF; Salgótarján (ärmste, oppositionsgeführt) nur 20 Mio. HUF.

Tourismusförderung: 470-facher Unterschied

Noch extremer ist das Bild bei den Förderungen der Ungarischen Tourismusagentur (MTÜ): Fidesz-geführte Kommunen erhielten über 32 Mrd. HUF, oppositionsgeführte insgesamt 68 Mio. HUF. Anschauliche Stadtpaare: Esztergom (Fidesz) 5 Mrd. HUF vs. das ähnlich große Szentendre (Opposition) 30 Mio. HUF; Debrecen (Fidesz) 5,2 Mrd. HUF vs. Miskolc (Opposition) 0,2 % davon; Balatonfüred (Fidesz) 6,3 Mrd. HUF vs. das doppelt so große oppositionsgeführte Siófok: 0 HUF.

Tourismusförderung: Fidesz-geführte vs. oppositionsgeführte Kommunen (MTÜ)

Quelle: G7.hu (2021). Vergleich ähnlich großer und funktional vergleichbarer Stadtpaare.

⚠ Wichtiger Kontext

Das Faktum Projekt (2025) und einige regierungsnahe Analysten weisen darauf hin, dass mehrere Oppositionsstädte (z. B. Budapest, Tatabánya, Salgótarján) insgesamt über den Zeitraum 2014–2024 erhebliche EU-Mittel erhielten. Die Unverhältnismäßigkeit ist am stärksten in der Zeit nach 2019, bei diskretionären (regierungsentschiedenen) Zuwendungen und besonders bei der Tourismusförderung. CEU/Defacto-Forscher (2024) stellten zudem fest, dass politische Bevorzugung statistisch vor allem bei Gemeinden über 3.000 Einwohnern und bei den eigenen diskretionären Förderentscheidungen der Regierung nachweisbar ist.

Internationaler Vergleich: das polnische Beispiel

Ungarn steht damit nicht allein: In Polen bestrafte die PiS-Regierung oppositionelle Städte mit ähnlichen Methoden. Der Polnische Oberste Rechnungshof (NIK) deckte 2024 auf, dass Warschau nur 0,8 % des Fonds erhielt, obwohl es 4 % der nationalen Einkommensteuereinnahmen erwirtschaftete. Einige PiS-nahe Gemeinden erhielten pro Kopf 100–140-mal mehr. Die NIK erstattete Strafanzeige gegen Ex-Premierminister Morawiecki.

Ungarisches Dorfprogramm vs. Stadtentwicklung

Das 2019 gestartete Ungarische Dorfprogramm wird ausschließlich aus dem nationalen Haushalt (nicht aus EU-Mitteln) für Gemeinden unter 5.000 Einwohnern finanziert. Obwohl das Programm breit zugänglich ist, verringert sich im Gesamtsystem der finanzielle Spielraum städtischer (typischerweise oppositionsgeführter) Kommunen radikal, während die Förderung ländlicher (typischerweise Fidesz-naher) Gemeinden steigt.

Die Gegenmaßnahmen der EU

Rechtsstaatlichkeitsbedingungen, Mitteleinfrierung, OLAF – Chronologie

Die Europäische Union versucht seit 2018 mit zunehmend schärferen Instrumenten, den Missbrauch von EU-Mitteln in Ungarn zu sanktionieren. Die folgende Zeitleiste dokumentiert die wichtigsten Schritte der EU.

EU-Rechtsstaatlichkeitsschritte – Zeitleiste

Das Diagramm markiert Schlüsselereignisse. Detaillierte Beschreibungen folgen unten.

2016 OLAF
OLAF-Bericht über die Elios Zrt.
Das EU-Betrugsbekämpfungsamt deckt Unregelmäßigkeiten bei den Straßenbeleuchtungsaufträgen des ehemaligen Unternehmens von Tiborcz István auf. Es empfiehlt die Rückforderung von 43,7 Mio. € (13+ Mrd. HUF).
Quelle: Átlátszó.hu, Wikipedia/OLAF
2018 September ART. 7
Europäisches Parlament: Artikel-7-Verfahren gegen Ungarn
Auf Grundlage des Sargentini-Berichts stellt das EP fest, dass in Ungarn die Gefahr einer schwerwiegenden Verletzung der EU-Werte besteht. Erstes Verfahren dieser Art gegen einen Mitgliedstaat (nach Polen).
2018 November OLAF
OLAF: 1-Milliarden-Euro-Forderung gegen Ungarn
OLAF hat eine Finanzforderung von 1 Mrd. € (320 Mrd. HUF) gegen Ungarn aufgrund verschiedener Korruptions- und Unregelmäßigkeitsfälle. Ungarn führt die OLAF-Liste der finanziellen Empfehlungen an.
Quelle: Wikipedia/OLAF, Atlatszo.hu
2020 Dezember KONDITIONALITÄT
Rechtsstaatlicher Konditionalitätsmechanismus angenommen
Die EU führt das neue Instrument ein, das das Einfrieren von Mitteln ermöglicht, wenn Rechtsstaatlichkeitsmängel die finanziellen Interessen der EU gefährden. Ungarn und Polen versuchen, es per Veto zu blockieren – erfolglos.
2022. aprilis VERFAHREN
Europäische Kommission: Konditionalitätsverfahren gegen Ungarn
Die Kommission leitet das Rechtsstaatlichkeitsverfahren ein – erstmals wird es in der Praxis angewandt. Hauptkritikpunkte: mangelnde Vergabetransparenz, Fehlen unabhängiger Kontrollorgane, Interessenkonflikte.
2022 Dezember EINFRIERUNG
Rat: ~6,3 Mrd. € Kohäsionsmittel eingefroren
Der EU-Rat genehmigt das Einfrieren von 6,3 Mrd. € im Rahmen des Rechtsstaatlichkeitsmechanismus. Weitere ~5,8 Mrd. € aus der Aufbau- und Resilienzfazilität (RRF) sind ebenfalls konditioniert. Insgesamt sind ca. 30 Mrd. € eingefroren.
2022 INTEGRITÄT
Integritätsbehörde eingerichtet
Die ungarische Regierung richtet auf EU-Druck die Integritätsbehörde ein. 66 % der Bevölkerung glauben, das Gremium diene den Interessen des Kabinetts. Zivilgesellschaftliche Mitglieder der Antikorruptions-Arbeitsgruppe (Átlátszó, K-Monitor, TI) stimmten gegen den Bericht.
Quelle: Radio Free Europe, Medián/HVG
2022– EPPO
Ungarn tritt der Europäischen Staatsanwaltschaft nicht bei
Die EPPO könnte EU-Mittelmissbrauch direkt ermitteln und verfolgen. Ungarn (und Polen) weigert sich beizutreten, wodurch die Betrugsbekämpfung in nationaler Hand bleibt – deren Wirksamkeit durch die Ergebnisse der nach OLAF-Empfehlungen eingeleiteten Verfahren infrage gestellt wird.
2022 ERASMUS
21 «Modellwechsel»-Universitäten von Erasmus und Horizon ausgeschlossen
Die Europäische Kommission stellt fest, dass die von der Regierung gegründeten, mit Regierungspartei-Vertretern besetzten und mit Staatsvermögen ausgestatteten Stiftungen keine Transparenz gewährleisten. 21 Universitäten können keine Verträge mit Erasmus+ und Horizon Europe abschließen.
Quelle: Atlatszo.hu
2023–2024 FREIGABE?
Teilweise Freigabe von Mitteln unter Auflagen
Ab Ende 2023 werden einige zuvor gesperrte Mittel freigegeben, doch die Erfüllung der Bedingungen ist umstritten. EU-Kommissar Didier Reynders warnt: Mittel könnten erneut eingefroren werden, wenn Rückschritte beobachtet werden.
2025 Februar CRCB
CRCB: Korruptionsrisiko steigt wieder
Laut dem jüngsten CRCB-Bericht stiegen die Korruptionsrisiken nach günstigeren Trends 2024 im Jahr 2025 wieder an. Der Korruptionsindikator für EU-finanzierte Verträge überschritt erneut die von der Kommission festgelegte kritische Schwelle.
Quelle: 444.hu, 2026.02.05.

Detaillierte Chronologie

42 Schlüsselereignisse – 2010 bis 2026

2010 Mai SYSTEM
Fidesz-KDNP-Zweidrittelmehrheit – Aufbau des NER beginnt
Nach dem Wahlsieg 2010 reorganisiert die Regierung den staatlichen Institutionenrahmen. Kommunale Befugnisse und Ressourcen werden drastisch gekürzt – im Widerspruch zum eigenen Wahlprogramm 2010.
2010–2013 VERGABE
Die Schere öffnet sich: NER-Firmen setzen sich vom Feld ab
CRCB-Daten zeigen, dass sich ab 2011 die Gewinnchancen der «Günstlingsfirmen» scharf von denen durchschnittlicher Unternehmen abheben. Vor 2010 hatten sie ähnliche Chancen; ab 2011 dominiert der innere Kreis.
Quelle: CRCB, 444.hu
2011 KOMMUNE
Beschränkung kommunaler Kreditaufnahmen
Die Regierung übernimmt kommunale Schulden, reduziert aber im Gegenzug drastisch deren Aufgabenbereich und Finanzautonomie. Umstellung auf 100 % staatliche Finanzierung – die Kommunen werden abhängig.
2012– NKH
Balásy Gyulas Unternehmen: 650 Mrd. HUF an Vergaben seit 2012
Ausschreibungen des Nationalen Kommunikationsamts (NKH) gehören zu den sichtbarsten Beispielen der Haushaltsumlenkung. Laut CRCB haben Balásys Unternehmen seit 2012 650 Mrd. HUF an Vergaben gewonnen.
Quelle: CRCB, Szabad Európa
2013 OLIGARCHEN
4 Oligarchen: 11 % der Vergaben
Vier regierungsnahe Oligarchen sicherten sich 2013 11 % der Vergaben. Bis 2017 vereinten Mészáros Lőrinc und Szijj László allein 26 % auf sich.
2014 EU-PERIODE
2014–2020 EU-Periode: ~25 Mrd. € für Ungarn
Die neue Programmperiode beginnt. Ungarn gehört zu den größten Empfängern der Kohäsionspolitik.
2015 BRUCH
Orbán–Simicska-Bruch: das NER reorganisiert sich
Simicska Lajos fällt aus dem NER heraus. CRCB-Daten zeigen 2015 einen vorübergehenden Rückgang des Vergabeanteils der Günstlingsfirmen, doch bis 2016–2017 reorganisierte sich das neue System noch stärker als zu Simicskas Glanzzeiten.
2016 OLAF
OLAF-Bericht zum Elios-Fall
Rückforderung von 43,7 Mio. € (13+ Mrd. HUF) empfohlen. Die Polizei stellte die Ermittlungen 2018 ein – mit der Begründung „kein Straftatbestand".
2017 SOLIDARITÄT
Einführung des Solidaritätsbeitrags
Budapest und andere Großstädte erhalten eine neue zentrale Belastung.
2017 OLIGARCHEN
Mészáros + Szijj: 26 % der Vergaben
Zusammen sicherten sie sich ein Viertel des gesamten öffentlichen Vergabemarkts.
2018 September EP
Sargentini-Bericht – Artikel 7
Das EP stimmt für den Sargentini-Bericht gegen Ungarn.
2018 November OLAF
OLAF: 1 Mrd. € Finanzforderung
Ungarn erhielt von allen EU-Mitgliedstaaten die meisten finanziellen Empfehlungen von OLAF.
2018 TI INDEX
Transparency International: Ungarn das korrupteste EU-Land
2010 noch auf Platz 9 der korruptesten EU-Länder; 2018 gleichauf auf Platz 1 mit Rumänien und Bulgarien. Paradoxerweise stellte das Eurobarometer fest, dass die Ungarn die Korruption in der gesamten EU am wenigsten stört.
2019. oktober WAHL
Kommunaler Oppositionsdurchbruch
Budapest und mehrere Großstädte (Szeged, Pécs, Miskolc, Eger, Szombathely, Dunaújváros u. a.) wählen oppositionelle Führungen. Die Mittelentzugspolitik der Regierung verschärft sich.
2019 MFP
Start des Ungarischen Dorfprogramms
Finanziert die Entwicklung von Gemeinden unter 5.000 Einwohnern ausschließlich aus nationalen Mitteln. Dies kompensiert nicht die EU-Mittelverteilung an Städte.
2020 COVID
COVID-ev: Rekordanteil der Günstlingsfirmen bei Vergaben
Im Pandemiejahr gewannen «Günstlingsfirmen» fast ein Drittel aller staatlichen Vergaben – ein beispielloser Höchststand.
2020 Dezember KONDITIONALITÄT
Rechtsstaatlicher Konditionalitätsmechanismus angenommen
Die EU erhält ein neues Instrument zur Konditionierung von Förderungen.
2021 BUDAPEST
Budapest wird zum Nettozahler to the state budget
Die Hauptstadt erhält nicht mehr zurück, als sie einzahlt – eine historische Umkehr.
2021–2027 EU-PERIODE
Neue EU-Periode: 22+ Mrd. € (teilweise eingefroren)
Aus dem Rahmen 2021–2027: 13,6 Mrd. € für Regionalentwicklung, 5,5 Mrd. € für Beschäftigung, 12+ Mrd. € für Landwirtschaft, plus RRF ~7 Mrd. €. Ein erheblicher Teil ist konditioniert.
2022. aprilis VERFAHREN
Konditionalitätsverfahren gegen Ungarn – erster Fall in der EU
Die Kommission leitet das Rechtsstaatlichkeitsverfahren gegen Ungarn ein.
2022 Dezember EINFRIERUNG
~6,3 Mrd. € Kohäsionsmittel eingefroren
Dazu ~5,8 Mrd. € RRF an Bedingungen geknüpft. Insgesamt sind ~30 Mrd. € eingefroren.
2022 INTEGRITÄT
Integritätsbehörde eingerichtet (unter EU-Druck)
Das Gremium wurde auf EU-Forderung eingerichtet, doch seine Unabhängigkeit ist fraglich.
2022 ERASMUS
21 Universitäten von Erasmus+ und Horizon ausgeschlossen
Aufgrund der regierungsparteinahen Zusammensetzung der KEKVA-Stiftungen.
2023 CRCB
CRCB: Verschlechterung bei nationalen Vergaben, Verbesserung bei EU-Vergaben
Das «Versickerungs»-Phänomen: Wo die EU hinschaut, verbessern sich die Zahlen; bei nationalen Mitteln verschlechtern sie sich. Als ob die Regierung befreundete Unternehmen aus dem nationalen Haushalt kompensiert.
2023 NOTPAKET
Budapest kündigt «Überlebenspaket» an
Umschichtung von Ausgaben, Kredite, Sparmaßnahmen. Die Hauptstadt „schwankt am Rande der Zahlungsunfähigkeit".
Ende 2023 FREIGABE
Teilweise Mittelfreigabe beginnt
Einige zuvor gesperrte Mittel werden freigegeben, doch die Erfüllung der Bedingungen ist umstritten.
2024 BUDAPEST
Solidaritätsbeitrag: 58 Mrd. HUF
Anstieg von 5 Milliarden im Jahr 2018 auf 58 Milliarden – eine Verzehnfachung.
2024 Mai DIREKT
EU-Direktförderung für Budapest: 300 Mrd Ft
Für Verkehr und grüne Entwicklung, unter Umgehung des zentralen Verteilungssystems.
2024 MEDIAN
Medián: Zwei Drittel der ungarischen Gesellschaft halten das System für korrupt
Fast zwei Drittel der Befragten glauben, dass Korruption von oben, zentral organisiert wird. Selbst 23 % der Fidesz-Anhänger meinen, der Großteil der EU-Mittel lande in privaten Taschen.
Quelle: HVG/Median, 2024. junius
2025 Februar CRCB
CRCB: Korruptionsrisiko steigt wieder
Basierend auf der Analyse von 437.000 Ausschreibungen: Der Korruptionsindikator für EU-finanzierte Verträge überschreitet erneut die kritische Schwelle. Eine Behörde wickelte 253 von 254 Vergaben ohne Wettbewerb ab.
Quelle: 444.hu, 2026.02.05.
2025 Juli CRCB
CRCB: 3,2–5,5 Mrd euro kleptokratikus veszteség
Analyse der Vergaben an die Unternehmen der 13 wichtigsten NER-Akteure: 340.000 Ausschreibungen, 20–40% Überteuerung. EU-Steuerzahler finanzierten ein Drittel, ungarische Steuerzahler zwei Drittel der Kleptokratie.
Quelle: HVG, Telex, Portfolio
2025 Dezember INSOLVENZ
Budapest vor der Insolvenz; Moody's mit negativem Ausblick
179-seitiger Kommunalbericht: Das System verstößt gegen das Grundgesetz und die Europäische Charta der kommunalen Selbstverwaltung. Political Capital spricht von einer gezielten, regierungsgesteuerten Insolvenz.
2026 Februar REFORM
10 Oppositions-Bürgermeister: gemeinsamer Reformvorschlag
10 Komitatsstadtbürgermeister legen einen gemeinsamen Vorschlag vor: Rückgabe der Einkommensteuer und Kfz-Steuer an die Kommunen, Rückverlagerung von Bildung und Gesundheitswesen in kommunale Zuständigkeit, Überprüfung des Solidaritätsbeitrags.
Quelle: pecsma.hu, 2026.02.07.

Quellen und Methodik

Alle Daten stammen aus öffentlichen Quellen

Corruption Research Center Budapest (CRCB)
crcb.eu – Unabhängiger Think Tank, analysiert ungarische öffentliche Vergaben seit 1998. Datenbank mit über 340.000 Ausschreibungen. Ihre Analysen dienen als Referenz für den Haushaltskontrollausschuss des EP.
OLAF – Europäisches Amt für Betrugsbekämpfung
anti-fraud.ec.europa.eu – Berichte und Untersuchungen des EU-Betrugsbekämpfungsamts.
Europäische Kommission – Vertretung in Ungarn
hungary.representation.ec.europa.eu – Detaillierte EU-Förderdaten.
Atlatszo.hu
atlatszo.hu – Unabhängiger investigativer Journalismus, Nachverfolgung öffentlicher Mittel.
Transparency International Ungarn
Korruptionswahrnehmungsindex (CPI) – Ungarns Ranking.
Telex, HVG, 444.hu, Index, Szabad Európa
Unabhängige ungarische Medien – CRCB-Analysen, Budapester Haushaltsberichte.
Stadtverwaltung Budapest / Budapester Bürgerversammlung
lakogyules.budapest.hu – Offizielle Finanzunterlagen der Stadt Budapest.

Methodische Hinweise

Diese Zusammenstellung arbeitet ausschließlich mit öffentlich zugänglichen Quellen: akademische Studien, OLAF-Berichte, kommunale Dokumente und unabhängige Medienartikel. Die CRCB-Vergabedatenbank ist die einzige regelmäßige, statistisch fundierte Quelle zur Messung von Korruptionsrisiken in Ungarn. Diese Seite bemüht sich um objektive Darstellung und erwähnt, wo relevant, auch Gegenargumente.

Einschränkungen und Gegenargumente

Die Methodik des CRCB wurde von der Vergabebehörde angefochten, und ein Gericht gab ihr bezüglich einer Studie von 2018 teilweise Recht. Das regierungsnahe Medium Mandiner stellte zudem die Finanzierung und politische Zugehörigkeiten der CRCB-Mitarbeiter infrage. Jedoch werden die CRCB-Arbeiten vom Europäischen Parlament, der Europäischen Kommission und internationalen Forschungsinstituten genutzt, und die Datenbank közpénzkereső.hu (tendertracking.eu) ist öffentlich zugänglich. Wir behaupten nicht, dass alle EU-Mittel korrupt verteilt werden – diese Dokumentation konzentriert sich auf systemische Muster.