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Investigative Analyse

Russischer Einfluss auf die europäische extreme Rechte

Wie hat Moskau systematisch europäische souveränistische und rechtsextreme Parteien finanziert? Eine Chronologie und Analyse von 2009 bis 2025, mit besonderem Fokus auf die ungarische Verbindung und die Rolle des Mészáros-Bankenimperiums.

📅 2009–2025 🌍 8+ betroffene Länder 💰 ~250 Mio. € dokumentierte Summen
~188 Mio. € Russisches Geld an EU-Anti-Gender-Org. (2009–2018)
9,4 Mio. € Le Pens russischer Kredit (2014)
10,7 Mio. € Le Pens ungar. MKB-Kredit (2022)
9,2 Mio. € Vox' ungar. MBH-Kredit (2023)
~65 Mio. $ Geplantes russ. Ölgeschäft für Lega (2018)
~1 Mio. €/Mon. Voice of Europe Geldfluss (2023–24)

I. Überblick

Die Einfluss-Strategie des Kremls in Europa – Ideologie, Geld und Desinformation

Die Russische Föderation hat in den letzten anderthalb Jahrzehnten eine systematische Kampagne zur Schwächung des inneren Zusammenhalts der Europäischen Union geführt. Zum Instrumentarium gehören direkte finanzielle Förderung (Kredite, verdeckte Geldtransfers), Desinformationsoperationen (Medienplattformen, Trollfabriken), ideologische Verflechtung (Konservatismus, Anti-LGBTQ-, Anti-EU-Positionen) und die politische Instrumentalisierung von Energiegeschäften.

Laut dem „Tip of the Iceberg"-Bericht des Europäischen Parlamentarischen Forums für Sexuelle und Reproduktive Rechte, veröffentlicht 2023, haben russische Akteure zwischen 2009 und 2018 rund 188 Millionen Dollar an europäische „Anti-Gender"-Organisationen und Bewegungen geleitet – weit mehr als die Ausgaben der amerikanischen christlichen Rechten in Europa im selben Zeitraum.

Die Finanzierungsmethoden sind vielfältig: direkte Bankkredite (im Fall Le Pen zunächst von einer russischen, dann einer ungarischen Bank), Provisionen aus Ölhandelsgeschäften (Lega), Barzahlungen über Einflussnetzwerke (Voice of Europe) sowie offene Unterstützung ideologischer Verbündeter über diplomatische Kanäle (FPÖ–Geeintes-Russland-Kooperationsabkommen).

„Russland wollte die Lage in Europa im Vorfeld der bevorstehenden Europawahlen destabilisieren. Sie wollen das Ergebnis dieser Wahlen beeinflussen. Wir dürfen es ihnen nicht erlauben." — Radosław Sikorski, polnischer Außenminister, Mai 2024

Zu den Zielscheiben des Kremls gehören die größten europäischen rechtsextremen und national-souveränistischen Parteien: Frankreichs Rassemblement National (früher Front National), Italiens Lega, Deutschlands Alternative für Deutschland (AfD), Österreichs Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), Spaniens Vox, Belgiens Vlaams Belang sowie indirekt Ungarns Fidesz, die auf systemischer Ebene eine Vermittlerrolle zwischen Moskau und der westeuropäischen extremen Rechten einnimmt.


II. Zusammenfassung – Dokumentierte Geldflüsse

Die wichtigsten dokumentierten Fälle auf einen Blick

Jahr Partei / Person Betrag Quelle Art
2014 Front National (FR) 9,4 Mio. € First Czech-Russian Bank Bankkredit
2016 FPÖ (AT) k. A. Abkommen mit Geeintes Russland Politische Allianz
2017 FPÖ – Strache (AT) (250 Mio. € Angebot) Ibiza-Video: verdeckte „russische Investorin" Versprechen von Staatsaufträgen
Okt. 2018 Lega (IT) ~65 Mio. $ (geplant) Russisches Ölgeschäft (Rosneft → Eni) Verdeckte Ölhandelsprovision
2022 Rass. National (FR) 10,7 Mio. € MKB Bank (HU – Mészáros) Persönlicher Kredit (Le Pen)
2023 Vox (ES) 9,2 Mio. € MBH Bank (HU – Mészáros) Wahlkampfkredit
2023–24 AfD, RN u. a. ~1 Mio. €/Mon. Voice of Europe (Medwedtschuk) Barzahlungen an MdEP
2024 AfD – Bystron (DE) 20.000 € Artem Martschewski Bargeld für Propaganda

III. Fallstudien — Land für Land

Länderanalysen im Detail

🇫🇷 Frankreich Rassemblement National

Der russische Kredit (2014) – Wo alles begann

Marine Le Pens Partei, damals noch Front National, nahm im Herbst 2014 einen Kredit über 9,4 Millionen Euro bei der in Moskau ansässigen First Czech-Russian Bank auf. Der Eigentümer der Bank, Roman Popow, hatte zuvor für einen von Putins milliardenschweren Verbündeten, Gennadi Timtschenko, gearbeitet. Der Kredit wurde über den Europaabgeordneten Jean-Luc Schaffhauser vermittelt, der offen an einer „russisch-europäischen christlichen Allianz" arbeitete.

Der Kredit wurde vom investigativen Portal Mediapart kaum zwei Monate nach der Unterzeichnung aufgedeckt. Die Bank wurde 2016 geschlossen, und der Kredit wanderte durch eine Reihe dubioser russischer Unternehmen: zunächst zur Autovermietung Konti und schließlich zu Aviazapchast, einem Flugzeugteile-Zulieferer, der auch die syrische Luftwaffe beliefert. Die Partei tilgte die verbleibenden 6,1 Millionen Euro im Jahr 2023.

Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss kam 2023 zu dem Schluss, dass der Rassemblement National als „Vermittlungskanal" für Russland in der französischen Politik fungiert hatte und die Positionen der Partei sich durchgehend an den Botschaften des Kremls orientierten – insbesondere bei der Unterstützung der Annexion der Krim und der Ablehnung von Sanktionen gegen Russland.

Der ungarische Kredit (2022) – MKB Bank, Lőrinc Mészáros

Für den Präsidentschaftswahlkampf 2022 war Le Pen erneut auf ausländische Finanzierung angewiesen, nachdem französische Banken ihr weiterhin Kredite verweigerten. Diesmal gewährte die ungarische MKB Bank ihr einen persönlichen Kredit über 10,7 Millionen Euro. Mehrheitseigentümer der MKB Bank ist Lőrinc Mészáros, Viktor Orbáns Jugendfreund und der reichste Mann Ungarns.

Eine Recherche der Financial Times ergab, dass Viktor Orbán persönlich die Geschäftsführung der MKB angewiesen hatte, den Kredit zu gewähren, obwohl sowohl die Bankleitung als auch Mészáros selbst Bedenken hatten. Das Eingreifen des Ministerpräsidenten deutet darauf hin, dass die Transaktion keine rein geschäftliche Entscheidung war, sondern ein politisch-strategischer Schritt zur Stärkung von Orbáns europäischem Bündnissystem.

🇮🇹 Italien Lega

Die Tonaufnahme aus dem Hotel Metropol (2018)

Einer der dramatischsten Beweise für russische Einflussnahme wurde im Juli 2019 öffentlich, als BuzzFeed News eine geheime Tonaufnahme veröffentlichte. Die Aufnahme entstand am 18. Oktober 2018 im Moskauer Hotel Metropol und zeigt Gianluca Savoini, einen langjährigen Vertrauten von Matteo Salvini, bei Verhandlungen über die verdeckte Finanzierung der italienischen Lega-Partei mit drei Russen und zwei weiteren Italienern.

Der Kern des Plans war, dass ein nicht namentlich genanntes russisches Ölunternehmen (dem Kontext nach wahrscheinlich Rosneft) Rohöl zu einem Vorzugspreis an den italienischen Staatsenergieversorger Eni liefern sollte. Die Ersparnis – etwa 65 Millionen Dollar über ein Jahr – sollte verdeckt in die Lega-Kampagne für die Europawahl 2019 fließen.

Savoini formulierte auf der Aufnahme unmissverständlich: Das Ziel sei die Schaffung einer Moskau-freundlichen europäischen Allianz unter Einbindung von Le Pen, Strache und der AfD. Die Mailänder Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf internationale Korruption ein. Salvini bestritt stets, jemals russisches Geld erhalten zu haben, obwohl er sich zur Zeit der Metropol-Verhandlung ebenfalls in Moskau aufhielt und sich am Vorabend angeblich mit dem russischen Vizepremierminister Dmitri Kosak getroffen hatte. Beweise dafür, dass das Geschäft jemals zustande kam, gibt es nicht.

🇦🇹 Österreich FPÖ

Der Ibiza-Skandal (2017/2019)

Im Mai 2019 veröffentlichten Der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung heimlich aufgenommenes Videomaterial, das den damaligen Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache sowie seinen Stellvertreter Johann Gudenus zeigt, wie sie in einer Villa auf Ibiza mit einer Frau verhandeln, die sich als Nichte eines russischen Oligarchen ausgibt. Die Aufnahme stammt vom Juli 2017, nur wenige Monate vor der österreichischen Parlamentswahl.

Im Video bot Strache der vermeintlichen Investorin Staatsaufträge an, wenn sie die Kronen Zeitung kaufen und eine FPÖ-freundliche Medienlandschaft aufbauen würde – nach seinen eigenen Worten eine wie die, „die Orbán in Ungarn aufgebaut hat". Strache und Gudenus traten zurück, die Koalitionsregierung brach zusammen, und Neuwahlen wurden ausgerufen.

Obwohl es sich bei der Aufnahme um eine verdeckte Operation handelte (keine echte russische Investorin war beteiligt), gewährte die Affäre einen erschütternden Einblick in das russlandfreundliche Netzwerk der FPÖ. Im Dezember 2016 hatte die FPÖ ein formelles Kooperationsabkommen mit Putins Partei Geeintes Russland unterzeichnet, und Gudenus hatte öffentlich die Annexion der Krim befürwortet und die EU in einer Rede in Moskau als „Lobby für Homosexuelle" bezeichnet.

🇩🇪 Deutschland AfD

Die AfD und das Voice-of-Europe-Netzwerk

Die Alternative für Deutschland (AfD) ist eines der wichtigsten Ziele – und zugleich eines der wichtigsten Instrumente – russischer Einflussnahme in Europa. 2024 brachen in mehreren Wellen Skandale aus: Der Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl, Maximilian Krah, hatte nachweislich geheime Zahlungen aus Russland und China erhalten, während sein Assistent der Spionage für den chinesischen Geheimdienst beschuldigt wurde. Ein weiterer hochrangiger Kandidat, Petr Bystron, wurde auf Tonaufnahmen festgehalten, wie er 20.000 Euro in bar vom sanktionierten Artem Martschewski für die Verbreitung russischer Propaganda entgegennahm.

Beide Fälle führen zum Voice-of-Europe-Netzwerk, einer in Prag ansässigen Desinformationsplattform, die 2023 unter der Leitung von Viktor Medwedtschuk – dem im Exil lebenden ukrainischen Oligarchen und Putin-Vertrauten – mit Unterstützung der sogenannten Fünften Verwaltung des FSB (Föderaler Sicherheitsdienst Russlands) neu gestartet wurde. Das Netzwerk verteilte bis zu einer Million Euro pro Monat an rechtsextreme Politiker in mindestens fünf EU-Mitgliedstaaten, damit diese russische Propaganda verbreiten und die Solidarität mit der Ukraine untergraben.

Laut Thomas Haldenwang, dem Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, „tragen von Teilen der AfD verbreitete russische Narrative zur Ausbreitung des Rechtsextremismus" in Deutschland bei.

🇪🇸 Spanien Vox

Vox und die MBH Bank: Orbán-nahe Finanzierung

Im September 2024 räumte die von Santiago Abascal geführte Partei Vox, ausgelöst durch Berichte von El País, ein, ihren Kommunal- und Parlamentswahlkampf 2023 mit einem Kredit über 9,2 Millionen Euro von der ungarischen MBH Bank finanziert zu haben. Der Kredit kam in zwei Raten: 6,7 Millionen Euro für die Parlamentswahl und 2,6 Millionen für die Kommunalwahl.

Die MBH Bank ist Ungarns zweitgrößte Bank; 30,5 % befinden sich in Staatsbesitz, weitere rund 50 % werden von Unternehmen und Personen aus dem Umfeld von Lőrinc Mészáros gehalten. Die Parteisprecherin begründete den ungarischen Kredit damit, dass spanische Banken eine Kreditvergabe verweigert hätten.

Spaniens Sozialistische Partei (PSOE) erhob im Dezember 2024 Anzeige gegen Vox mit der Begründung, dass die Verschleierung der Kreditquelle gegen das spanische Parteienfinanzierungsgesetz verstoße, das es Einrichtungen mit Verbindung zu ausländischen Regierungen untersagt, politische Parteien zu finanzieren. Die spanische Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen. Die ungarische Regierung bestritt jede Beteiligung an der Transaktion.


IV. Der ungarische Faden

Orbáns System als Vermittlerplattform für russische Interessen

Ungarn: Vermittler zwischen russischen Interessen und der westeuropäischen extremen Rechten

Viktor Orbáns Ungarn nimmt eine einzigartige Position im europäischen Einflussnetzwerk des Kremls ein. Es geht nicht darum, dass Moskau Fidesz direkt finanziert (obwohl die russisch-ungarische Energie- und Nuklearkooperation durchaus Fragen aufwirft), sondern darum, dass staatsnahe ungarische Institutionen – insbesondere das von Lőrinc Mészáros kontrollierte Bankensystem – zu Vermittlungskanälen für die Finanzierung der europäischen extremen Rechten geworden sind und dabei der Logik des russischen Einflussmodells folgen.

Das Muster ist eindeutig: Nachdem russische Banken aufgrund von Sanktionen und verschärfter Sorgfaltspflichten vom westeuropäischen Markt verdrängt wurden, übernahmen ungarische Finanzinstitute teilweise deren Rolle. Marine Le Pen erhielt 2014 noch einen Kredit von einer russischen Bank; 2022 kam er von der ungarischen MKB. Vox wandte sich 2023 direkt an die MBH. Beide Banken gehören zum Geschäftsimperium von Lőrinc Mészáros.

V. Das MBH/MKB-Dossier

Das Bankenimperium von Lőrinc Mészáros und die internationale Finanzierung der extremen Rechten

Die MBH Magyar Bankholding (vormals Magyar Bankholding Zrt.) entstand 2020 aus der Fusion von MKB Bank, Budapest Bank und Takarékbank. Das Ergebnis war Ungarns zweitgrößte Bankengruppe, gestützt auf drei Machtzentren: den Staat (mit 30,5 % Beteiligung), Lőrinc Mészáros und seine Holdinggesellschaften (laut VSquare und anderen Investigativjournalisten geschätzt auf weitere ~50 %) sowie – in einer besonders bemerkenswerten Konstellation – den Sohn des Nationalbankpräsidenten György Matolcsy, der ebenfalls eine Beteiligung an der Bankholding hält, was in jedem anderen Land als schwerwiegender Interessenkonflikt gelten würde.

Laut einer umfangreichen Recherche der Financial Times von 2022 wurde die MBH nicht nur gewinnorientiert gegründet, sondern mit dem Ziel, das finanzielle Rückgrat von Orbáns politischem System zu werden: NER-nahe Großunternehmen zu stützen, die heimische Wirtschaftspolitik zu finanzieren und Orbáns „illiberale" internationale Verbündete zu unterstützen. Der Wahlkampfkredit für Le Pen entstand laut FT-Quellen ausdrücklich auf persönliche Anweisung Orbáns.

Laut dem Investigativportal VSquare wurde die Führungsebene der MBH „sichtlich nervös", nachdem El País über den Vox-Kredit berichtet hatte, da die Bank bereits Probleme mit ausländischen Korrespondenzbanken hatte, die gegenüber den „politisch fragwürdigen Geschäften" der MBH zunehmend vorsichtiger geworden waren.

Orbán und seine Regierung streben nicht nur Gewinne an, sondern Einfluss: eine Bank, die hilft, eine flexible lokale Wirtschaft und gesellschaftliche Elite aufzubauen, seine nationalistischen Ideen umzusetzen und seine illiberalen ausländischen Verbündeten zu unterstützen. — Financial Times, 2022, anonyme Quelle über die MBH
Jahr Begünstigter Bank Betrag Zweck Zurückgezahlt?
2022 Marine Le Pen (FR) MKB Bank 10,7 Mio. € Präsidentschaftswahlkampf Ja, vorzeitige Rückzahlung 2023
2023 Vox (ES) MBH Bank 9,2 Mio. € Parlaments- + Kommunalwahl Ja, laut der Partei

Das gemeinsame Muster beider Fälle ist auffällig: Beide rechtsextreme Parteien argumentierten, dass heimische Banken ihnen Kredite verweigert hätten, was sie zwang, ausländische Quellen zu suchen. In beiden Fällen sprang das Mészáros-Bankenimperium ein. Beide Parteien traten anschließend Orbáns 2024 gegründeter Patrioten-für-Europa-Fraktion im Europäischen Parlament bei. Und in beiden Fällen bestritt die ungarische Regierung jede Beteiligung – und sprach von einer „geschäftlichen Entscheidung" auf „kommerzieller Basis".


VI. Das Souveränitätsschutz-Paradoxon

Wie bestraft die ungarische Regierung ausländische Finanzierung im Inland, während sie im Ausland rechtsextreme Parteien finanziert?

Ende 2023 setzte Fidesz das Souveränitätsschutzgesetz durch, das das Souveränitätsschutzbüro ins Leben rief – eine Behörde mit weitreichenden Befugnissen zur Untersuchung von Organisationen und Personen, die ausländische Gelder erhalten. Das Büro hat direkt oppositionelle Parteien (die im Wahlkampf 2022 ausländische Spenden erhielten), unabhängige Medien und zivilgesellschaftliche Organisationen (Transparency International, Helsinkier Komitee usw.) ins Visier genommen.

Kritiker des Gesetzes – darunter das Europäische Parlament, die Europäische Kommission, die Venedig-Kommission und die Vereinigten Staaten – haben die Maßnahme mit Putins „Ausländische-Agenten"-Gesetz verglichen. Die Europäische Kommission leitete im Oktober 2024 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn beim Europäischen Gerichtshof ein.

Die Ironie der Situation ist eklatant: Die ungarische Regierung, die inländischen Organisationen, die ausländische finanzielle Unterstützung annehmen, mit strafrechtlichen Sanktionen (bis zu drei Jahre Gefängnis) droht, stellt gleichzeitig über eine teilweise staatliche Bank im Eigentum von Lőrinc Mészáros Kredite in Millionenhöhe für ausländische rechtsextreme Parteien zur Finanzierung ihrer Wahlkämpfe bereit.

Der Leiter des Souveränitätsschutzbüros, der Orbán-treue Tamás Lánczi, hat öffentlich erklärt, dass die Untersuchung russischer Einflussnahme keine Priorität des Büros sei – obwohl der Kreml in Ungarn weit mehr Diplomaten und Geheimdienstmitarbeiter stationiert als in Polen und der Tschechischen Republik zusammen und chinesische Polizeibeamte im Land tätig sein dürfen.

„Jetzt ist der Moment gekommen, in dem diese internationalen Netzwerke abgebaut, weggefegt werden müssen. Es ist notwendig, ihre Existenz rechtlich unmöglich zu machen." — Viktor Orbán, Februar 2025, über inländische NGOs – während die MBH ausländische Parteien finanziert

VII. Detaillierte Chronologie

Die wichtigsten Meilensteine russischer Einflussnahme in Europa, 2009–2025

2009–2013
2009–2018
Russische Oligarchen leiten 188 Millionen Dollar an europäische Anti-Gender-Organisationen
Der „Tip of the Iceberg"-Bericht des Europäischen Parlamentarischen Forums für Sexuelle und Reproduktive Rechte enthüllt eine systematische russische Finanzierung, die die Ausgaben der amerikanischen christlichen Rechten in Europa im selben Zeitraum bei Weitem übertrifft.
Russland EU
2014
September 2014
Le Pens Partei erhält 9,4-Mio.-€-Kredit von der First Czech-Russian Bank
Der Front National erhält über den Europaabgeordneten Schaffhauser einen Kredit von einer kremlnahen Moskauer Bank. Deren Eigentümer arbeitete zuvor für Putins Verbündeten Timtschenko. Die Kreditaufnahme fällt mit der Annexion der Krim zusammen, die Le Pen unterstützte.
Frankreich Russland
2014
Belgische Vlaams-Belang-Mitglieder als „Beobachter" beim Krim-Referendum
Die belgische Partei der Identity-and-Democracy-Gruppe entsendet Mitglieder zur „Beobachtung" des russischen Annexionsreferendums, während ihre Führungskräfte Treffen mit russischen Beamten abhalten.
Belgien Russland
2016
November 2016
FPÖ unterzeichnet Kooperationsabkommen mit Geeintes Russland
Eine FPÖ-Delegation unter Straches Führung reist nach Moskau und unterzeichnet ein formelles Partnerschaftsabkommen mit Putins Partei. Das Abkommen sieht „Informationsaustausch" und gegenseitige Konsultation vor.
Österreich Russland
2016
FPÖ-Führungskräfte erörtern russische Finanzunterstützung
Die österreichische Presse enthüllt, dass die FPÖ den Erhalt von Geldern eines russischen Spin-Doktors im Austausch für die Einbringung bestimmter Anträge im Parlament diskutiert hat.
Österreich Russland
2017
Juli 2017
Das Ibiza-Video wird aufgezeichnet
Strache und Gudenus verhandeln in einer Villa auf Ibiza mit der „Nichte eines russischen Oligarchen" über Staatsaufträge und den Kauf der Kronen Zeitung. Das Video wird erst im Mai 2019 öffentlich.
Österreich Russland
2018
18. Oktober 2018
Metropol-Verhandlung in Moskau – Legas russisches Ölgeschäft
Salvinis Vertrauter Savoini verhandelt mit drei Russen und zwei Italienern im Hotel Metropol über ein verdecktes Ölhandelsgeschäft über ~65 Mio. $, dessen Erlöse in die EP-Kampagne der Lega fließen sollten. Salvini hält sich in einem benachbarten Hotel auf.
Italien Russland
2018
AfD-Politiker als „Wahlbeobachter" auf der Krim
Sieben AfD-Mitglieder reisen als „Beobachter" zur russischen Präsidentschaftswahl auf die russisch besetzte Krim.
Deutschland Russland
2019
17. Mai 2019
Das Ibiza-Video wird veröffentlicht – Die österreichische Regierung bricht zusammen
Der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung veröffentlichen das Strache-Video. Der Vizekanzler tritt zurück, die Koalitionsregierung zerbricht, Neuwahlen werden ausgerufen. Die FPÖ erleidet bei der Septemberwahl eine schwere Niederlage.
Österreich
Juli 2019
BuzzFeed News: Die Metropol-Aufnahme wird öffentlich
Die Tonaufnahme und das vollständige Transkript werden veröffentlicht. Mailänder Staatsanwälte leiten Ermittlungen ein. Salvini verweigert die Beantwortung parlamentarischer Fragen. Bellingcat und The Insider identifizieren die russischen Verhandlungspartner.
Italien Russland
2020–2021
2020
Aviazapchast verklagt Le Pens Partei in Moskau
Der russische Rüstungszulieferer, der den Kredit von 2014 erworben hat, klagt vor dem Moskauer Schiedsgericht auf Rückzahlung der überfälligen Schulden. Die Parteien einigen sich schließlich.
Frankreich Russland
2022
Februar 2022
Marine Le Pen erhält Wahlkampfkredit von der ungarischen MKB Bank
Le Pen finanziert ihren Präsidentschaftswahlkampf mit einem Personalkredit über 10,7 Mio. € von der MKB Bank, die Lőrinc Mészáros gehört. Die Financial Times enthüllt später, dass Orbán die Bankleitung persönlich zur Kreditvergabe angewiesen hat.
Frankreich Ungarn
2023
Mai 2023
Neustart von Voice of Europe in Prag
Unter der Leitung von Medwedtschuk und der Fünften Verwaltung des FSB wird die zuvor eingestellte Desinformationsplattform neu gestartet und baut ein systematisches Einflussnetzwerk zur Bestechung von Europaabgeordneten auf.
EU Russland
2023
Vox nimmt einen 9,2-Mio.-€-Kredit bei der MBH Bank auf
Die spanische Rechtsaußen-Partei finanziert ihren Kommunal- und Parlamentswahlkampf über eine Mészáros-nahe ungarische Bank. Die Partei verschweigt die Kreditquelle und verstößt damit gegen das spanische Wahlkampffinanzierungsgesetz.
Spanien Ungarn
Dezember 2023
Fidesz verabschiedet das Souveränitätsschutzgesetz
Das Gesetz schafft das Souveränitätsschutzbüro, das zur Untersuchung von Organisationen befugt ist, die ausländische Gelder annehmen. Es droht der heimischen Opposition und Zivilgesellschaft mit Gefängnis – während die MBH ausländische Parteien finanziert.
Ungarn
2024
März 2024
Tschechischer Geheimdienst deckt das Voice-of-Europe-Netzwerk auf
In Zusammenarbeit mit Nachrichtendiensten aus sieben EU-Mitgliedstaaten enthüllt der tschechische BIS die größte bekannte Einflussoperation des Kremls in der europäischen Politik. Die EU verhängt Sanktionen gegen Voice of Europe und Medwedtschuk.
EU Russland
April 2024
AfD: Die Skandale um Krah und Bystron
Aufdeckung von Krahs Geheimzahlungen aus China und Russland; sein Assistent wird der Spionage beschuldigt. Bystrons Immunität wird aufgehoben. Die ID-Fraktion im EP schließt die AfD aus.
Deutschland Russland
Juli 2024
Orbán gründet die Patrioten-für-Europa-Fraktion
Die von Fidesz, FPÖ und der tschechischen ANO gegründete Fraktion nimmt rasch den RN, Vox und andere rechtsextreme Parteien auf – darunter jene, die sich mit MBH/MKB-Krediten finanziert hatten.
Ungarn EU
September–Oktober 2024
El País: Vox bestätigt den MBH-Kredit
Nach investigativen Berichten bestätigt Vox' Sprecherin den Kredit von der ungarischen Bank, bestreitet aber Kenntnis der Verbindungen der Bank zu Orbán. Die ungarische Regierung spricht von einem „Handelsgeschäft".
Spanien Ungarn
2025
März 2025
Spanische Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen gegen Vox ein
Nach einer Anzeige der PSOE prüft die spanische Staatsanwaltschaft, ob der MBH-Kredit an Vox gegen das spanische Parteienfinanzierungsgesetz verstößt, das die Finanzierung politischer Parteien durch Einrichtungen mit Verbindung zu ausländischen Regierungen untersagt.
Spanien Ungarn
Mai 2025
Fidesz bringt den Gesetzentwurf „Transparenz des öffentlichen Lebens" ein
Der Entwurf würde das Souveränitätsschutzbüro ermächtigen, jede Organisation, die ausländische Gelder erhält und „Ungarn in einem negativen Licht darstellt", auf eine schwarze Liste zu setzen und zu verbieten – während die staatsnahe ungarische Bank weiterhin ausländische Parteien finanziert.
Ungarn
2026
Februar–März 2026
Russische Wahleinmischung in Ungarn – GRU-Agenten in Budapest, inszeniertes Attentat vorgeschlagen
Im März 2026 enthüllte das Investigativportal VSquare unter Berufung auf mehrere europäische Sicherheitsquellen, dass der Kreml ein von Sergei Kirijenko – Putins Erstem Stellvertretendem Stabschef – geleitetes Team mit der Einflussnahme auf die ungarischen Parlamentswahlen am 12. April beauftragt hat. Die Operation folgt dem in Moldau erprobten Muster: Drei im Auftrag des GRU (russischer Militärgeheimdienst) handelnde Personen trafen mit diplomatischer Tarnung in Budapest ein und operieren aus der russischen Botschaft. Ihre Aufgabe umfasst Social-Media-Manipulation, Desinformationskampagnen und die Verstärkung Fidesz-naher Narrative – all dies mit persönlichem Wissen Putins. Die USA teilten die entsprechenden Geheimdiensterkenntnisse im Februar mit ihren Verbündeten. Eines der vom Kreml vorgeschlagenen Narrative wurde Berichten zufolge über Tigran Garibjan, einen russischen Berater an der Budapester Botschaft, an ungarische Journalisten weitergeleitet. Am 21. März ging die Washington Post noch weiter: Einem internen SVR-Bericht (Auslandsgeheimdienst) zufolge, der von einem europäischen Nachrichtendienst beschafft und authentifiziert wurde, schlug eine operative Einheit des SVR eine „Gamechanger"-Strategie vor – die Inszenierung eines Attentats auf Viktor Orbán. Die Begründung lautete, dies würde „den Wahlkampf von der rationalen Ebene sozioökonomischer Fragen in eine emotionale Dimension verlagern, in der die Schlüsselthemen Staatssicherheit sowie Stabilität und Schutz des politischen Systems wären." Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bezeichnete den Bericht als „ein weiteres Beispiel für Desinformation". Die russische Botschaft bestritt, dass Geheimdienstmitarbeiter nach Budapest entsandt worden seien. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Medián ergab, dass 83 % der ungarischen Wähler eine externe Einmischung in die Wahlen befürchten, wobei die Mehrheit mit einer Einflussnahme Russlands rechnet.
Ungarn Russland EU

Quellen

  • Europäisches Parlamentarisches Forum für Sexuelle & Reproduktive Rechte: „Tip of the Iceberg" – Russische Finanzierung europäischer Anti-Gender-Organisationen (2023)
  • BuzzFeed News: Hotel-Metropol-Tonaufnahme – Savoini/Lega russisches Ölgeschäft (Juli 2019)
  • Financial Times: Magyar Bankholding und Orbáns politisches Bankensystem (2022)
  • VSquare: MBH Bank und die Hintergründe der Vox-Kreditaffäre (2024)
  • El País: Herkunft des Vox-Wahlkampfkredits (September 2024)
  • Telex: MBH-Kredit an Vox – Ermittlungen der spanischen Staatsanwaltschaft (März 2025)
  • bne IntelliNews: Vox MBH Bank Krediteingeständnis (Oktober 2024)
  • EurActiv/Eurasia Review: Ungarische Regierung bestreitet Rolle beim Vox-Kredit (Oktober 2024)
  • Reuters/Euronews: Le Pen MKB-Bank-Kredit – aufgrund der Vermögenserklärung (März 2022)
  • Hungary Today: MKB-Bank–Le-Pen-Kreditaffäre (2022)
  • Washington Post: Voice of Europe und das Einflussnetzwerk des Kremls (Juni 2024)
  • German Marshall Fund: „Bribes and Lies" – Ausländische Einflussnahme in Europa 2024
  • Alliance for Securing Democracy: Russlands europäische Partner (2024)
  • ICCT: „Russia and the Far Right" – Analyse von zehn europäischen Ländern (2024)
  • Wikipedia: Voice of Europe; Ibiza-Affäre; AfD-Pro-Russland-Bewegung
  • Der Spiegel / Süddeutsche Zeitung: Ibiza-Video (Mai 2019)
  • Bellingcat / The Insider: Lega-Moskaureisen und Identifizierung der Metropol-Verhandlungspartner (2019)
  • Privacy International / OCCRP: First Czech-Russian Bank – Hintergrund des Le-Pen-Kredits
  • France24: Rassemblement National zahlt russischen Kredit zurück (2023)
  • CEPA: Souveränitätsschutzbüro und Vorgehen gegen Regierungskritiker (2024)
  • Europäisches Parlament: P9_TA(2024)0380 Entschließung zur russischen Einflussnahme
  • Journal of Democracy: Orbáns Souveränitätsschutz-Instrumentarium (2024)
  • VSquare / Szabolcs Panyi: Putins GRU-nahe Wahlmanipulatoren sind bereits in Budapest (6. März 2026)
  • Washington Post: Russischer Geheimdienst schlug inszeniertes Attentat auf Orbán vor (21. März 2026)
  • Telex, 444.hu, HVG, Portfolio, Magyar Hang, Balkan Insight: Berichterstattung über die Enthüllungen der Washington Post und von VSquare (März 2026)
  • Medián-Umfrage: 83 % der ungarischen Wähler befürchten ausländische Wahleinmischung (Ende 2025)